«Für alles gibt es eine Stunde, und jedes Geschehen unter dem Himmel hat seine Zeit.» (Prediger 3,1)
Wer in diesen Wochen durch unseren schönen Thurgau reist, sieht sie überall an den Strassenrändern und auf den Feldern leuchten: die grossen, orangefarbenen Kürbisse. Sie sind für mich das eigentliche Sinnbild für den Herbst. Beim Erntedankgottesdienst staunen wir über diese sichtbare Pracht, über das knackige Obst, das Gemüse und die reiche Frucht, die die Erde uns geschenkt hat. Es tut unheimlich gut, im geschäftigen Alltag kurz innezuhalten und für all diese alltäglichen Wunder einfach einmal danke zu sagen.
Doch die Schöpfung schaltet jetzt unübersehbar einen Gang zurück. Sieben Wochen später, wenn der Ewigkeitssonntag vor der Tür steht, sind die Felder leergefegt. Die Zugvögel haben sich längst in grossen Schwärmen auf den Weg nach Süden gemacht. Die Bäume stehen kahl da, das Laub knistert unter den Schuhen und das Nebelmeer hängt oft tagelang tief über dem Land. Es wird spürbar stiller um uns herum. Umso mehr geniessen wir die seltenen Tage, an denen ein ganz sanftes Herbstlicht die Landschaft verzaubert.
Diese äussere Stille spiegelt oft genau das wider, was wir im Inneren fühlen, wenn wir an die Menschen denken, von denen wir im vergangenen Jahr Abschied nehmen mussten. Das Vermissen kann sich an manchen Tagen schwer und grau anfühlen. Doch gerade die ruhende Natur um uns herum hilft uns jetzt, die eigene Trauer anzunehmen und mit der Vergänglichkeit Frieden zu schliessen.
Und doch liegt gerade in dieser einkehrenden Ruhe ein tiefer, verborgener Schatz. Wenn die bunte Pracht draussen vergeht, richtet sich unser Blick fast automatisch auf das, was wirklich zählt. Die Liebe, das gemeinsame Lachen, die geteilten Sorgen und die unvergesslichen Momente mit unseren Verstorbenen – all das ist die Ernte unseres Herzens. Nichts davon geht jemals verloren, alles bleibt tief in unserer Seele bewahrt und funkelt im Verborgenen weiter.
Im Rhythmus der Jahreszeiten wird sichtbar, dass auf jedes Loslassen schlussendlich ein neuer Anfang folgt. In der Natur vergeht das Alte ja nie ganz, sondern bereitet im Stillen den Boden für das, was neu entstehen will. Genauso dürfen wir darauf vertrauen, dass dieser Kreislauf auch für unseren eigenen Lebensweg gilt. Der Abschied ist nicht das endgültige Ende. Es bleibt die tiefe Gewissheit, dass wir, unsere Wege und vor allem die Menschen, die wir so schmerzlich vermissen, getragen sind und für immer geborgen bleiben.
Mit diesem Vertrauen im Herzen wünsche ich euch eine gesegnete, behütete und rundum friedliche Herbstzeit! Frohe Grüsse,
Albin Rutz


